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Luciano Berio

Luciano Berio wurde in der Kleinstadt Oneglia geboren, wo sein Großvater und sein Vater ihren Lebensunterhalt als Kirchenorganisten verdienten und auch komponierten.
Während der Vater ein glühender Anhänger des Duce war, war der Sohn ein ebenso glühender Antifaschist. Glühend und aufgebracht: er konnte Mussolini die Verfälschung der Musikgeschichte nicht verzeihen. Die wichtigsten, bahnbrechenden Komponisten des 20. Jahrhunderts wurden unterschlagen und Berio, der in der Provinz aufwachsend vom kulturellen Leben sowieso abgeschnitten war, hatte jahrelang keinen Zugang zur Musik, die so wichtig für seine Entwicklung gewesen wäre.

Berio war überzeugt, dass es für junge Komponisten unerlässlich war, die Partituren der klassischen Meister zu studieren und sich in verschiedenen Stilen zu versuchen. Er verdankte viel seinem Freund Bruno Maderna („Ich lernte zum Beispiel daraus, wie er Mozart dirigierte, oder meine und seine eigenen Stücke aufführte. Sein Wissen vom frühen Kontrapunkt, Dufay und die anderen, war enorm, aber er studierte auch elektronische Musik früher als ich.“)

Berio und Maderna gründeten gemeinsam das Studio di Fonologia Musicale (1955), wo Mutazioni, Perspectives und Thema (Omaggio a Joyce) sowie Différences entstanden. Beide Komponisten riefen auch die Zeitschrift Incontri musicali (1956-1960) und die gleichnamige Konzertreihe ins Leben, mit Dirigenten wie Boulez, Scherchen und Maderna.

Neben seinem Lehrer Ghedini und Maderna lernte Berio auch viel von Henri Pousseur, den er 1954 in Darmstadt kennen gelernt hatte. „Wenn ich auf jene Jahre zurückblicke – sagte er – empfinde ich Dankbarkeit für drei Leute: Ghedini, Maderna und Pousseur. Ich war ja immer noch der junge Mann aus Oneglia und ich brauchte ihre Hilfe, um vieles in der Musik zu verstehen.“

Berio wurde eine der bestimmenden Persönlichkeiten der neuen Musik. Einige seiner Werke gelten als Meilensteine der neueren Musikgeschichte – ob Stücke für Soloinstrumente und –stimme (der Sequenza-Zyklus), für Kammerensemble (wie die auf manche der Sequenze basierenden Chemins), Orchester (Sinfonia, wo sich dem Orchester acht Solostimmen anschließen, ist bis heute ein repräsentatives Werk der 60er Jahre), für Chor und Orchester (Coro ist eine emblematische Auseinandersetzung mit der Volksmusik), für Stimme und Orchester (wie Epiphanies), Solostimme, Chor und Orchester (Stanze für Bariton, Männerchor und Orchester war Berios Abschied vom Komponieren) und all seine Werke für das Musiktheater (Passaggio, La vera storia, Un re in ascolto, Laborintus II…).

Berio hat seine musikalischen Vorgänger nie aus dem Auge verloren. Davon zeugt seine Rekonstruktion einer unvollendeten Schubert-Symphonie in Rendering, seine Bearbeitungen und Instrumentierungen von Purcell, Boccherini, de Falla, Verdi, Mahler, Puccini, Weill. Er hat seine Ohren auch für Musik außerhalb des Konzertsaals und des Opernhauses offen gehalten: er war ein Bewunderer der Beatles und legte einige ihrer Hits in Bearbeitungen vor. Seine Orchestrierung eines Straußes von Volksliedern verschiedener Nationen (Folk Songs) wurde selbst ein Hit.

Luciano Berio war sich seiner Verantwortung als Mitglied der Gesellschaft bewusst. Er sagte, er hätte kein Verständnis für Komponisten, die dachten, sie seien Sprachröhre des Universums und der Menschheit. „Ich denke, es genügt, wenn wir uns bemühen, verantwortungsvolle Kinder der Gesellschaft zu werden.“

Bild: Universaledition/Eric Marinitsch
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